Bundesliga mal drei

Drei Damenteams, drei Bundesligen, ein Verein: In der kommenden Saison schickt der TTC 46 Weinheim gleich drei Damenmannschaften in die drei höchsten deutschen Spielklassen. Nach Vereinsangaben ist dies ein Novum im deutschen Tischtennis. Vorstand Christian Säger ist einer der zentralen Antreiber dieser Entwicklung, sieht aber auch die damit verbundenen Risiken. Im Interview erklärt er, warum daraus kein reines Vorzeigeprojekt werden soll, sondern eine Entwicklungsstruktur für junge Spielerinnen.
Als die zweite Damenmannschaft des TTC 46 Weinheim im Mai ihr Relegationsspiel in Tostedt mit 6:4 gewann, jubelte man gleich doppelt. Mit dem Aufstieg der Zweiten in die 2. Bundesliga durfte auch die Dritte nachrücken, die als Meister der Regionalliga schon bereitstand. Ihr Aufstieg in die 3. Bundesliga hing direkt von dem der Zweiten ab.
Plötzlich war klar: In der kommenden Saison würden drei Frauenteams eines einzigen Vereins in den drei höchsten deutschen Spielklassen auflaufen. Geplant war davon wenig. „Wir sind ja eigentlich überrascht worden von dem Ganzen“, sagt Säger.

Gejubelt wurde trotzdem nicht ungebremst. „Beides eigentlich“, antwortet Säger auf die Frage, ob die erste Reaktion eher Freude oder Respekt vor der Aufgabe war, denn er ahnte schon, „was auf uns zukommt“. Die Entscheidung fiel binnen zwei Tagen: Wenn sich die Chance bietet und es möglich ist, sollte man sie nutzen, sagt Säger, denn absteigen sei kein Beinbruch, später wieder aufzusteigen aber deutlich schwieriger.

Diese Entwicklung ist kein reiner Zufall. Vor 15 Jahren begann Säger gemeinsam mit seiner neunjährigen Tochter und einer weiteren Spielerin damit, den Damenbereich aufzubauen. Wie er es nennt, kam „ein Steinchen nach dem anderen“ hinzu, bis die Erste im Vorjahr Deutscher Meister wurde. Dass nun auch die zweiten und dritten Mannschaften mitziehen, ist für ihn eher Resultat von Kontinuität als von Planung.

Stabilität oben, Risiko darunter

Die Erste bleibt nun im Kern stabil, wird aber prominent verstärkt. Neue Nummer eins ist die Thailänderin Orawan Paranang vom TSV Langstadt, der sich aus der Bundesliga zurückgezogen hat. Weil pro Spiel nur eine nichteuropäische Ausländerin eingesetzt werden darf, müssen sich Paranang und die Taiwanesin Tung-Chuan Chien in der Aufstellung abwechseln. Dazu kommen erfahrene Kräfte wie annschaftsführerin Yuan Wan, die Ukrainerinnen Veronika Matiunina und Solomiya Brateyko sowie die deutsche Spielerin chinesischer Herkunft Shi Qi, ergänzt durch die erst 17-jährige Elisa Nguyen aus Pforzheim als jüngstes Glied. Das eigentliche Risiko liegt allerdings eine Etage tiefer.

Team zwei und drei sind die eigentliche Entwicklungsachse des Vereins, ein Mix aus deutschem Nachwuchs und internationalen Spielerinnen. Entscheidend ist dabei weniger, wer kommt und geht, sondern die Durchlässigkeit zwischen den Mannschaften: Nguyen pendelt zwischen erster und zweiter, die gerade 14-jährige Lotta Rothfuß zwischen zweiter und dritter. Der Rest des Kaders bleibt im Kern zusammen, mit einer Ausnahme: Enisa Sadikovic wechselt zu Kolbermoor, wo für sie der Sprung in die 1. Liga winkt. Dafür kommen die Saarländerin Maryam Farei, die zuletzt bei den Herren spielte und nun wieder bei den Damen antreten will, und die Spanierin Emma Vendelbo.

Nguyen und Rothfuß schreiben ihre eigene kleine Geschichte innerhalb der Aufstiegssaga. Beide bewiesen ihr großes Talent gerade bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt, Nguyen mit der Titelverteidigung im U19-Mixed, Rothfuß mit Gold im U15-Mixed sowie Silber im Einzel und Doppel. Auch Rothfuß selbst beschreibt den Aufstieg nicht als langfristiges Ziel. „Eigentlich war die Meisterschaft in der Regionalliga überhaupt nicht auf dem Bildschirm“, sagt sie. Die neue Struktur biete ihr nun „alle Möglichkeiten für die weitere Entwicklung“.

Logistik, Geld, Ehrenamt

Drei Mannschaften bedeuten allerdings nicht nur dreimal hochklassigen Spielbetrieb, sondern auch dreimal die entsprechende Logistik. Schwierig ist nicht der Spieltag selbst. „Das Spiel in der Halle, wenn sie da sind, ist dann noch mehr oder weniger das Einfachste“, sagt Säger. Schwierig ist alles drumherum: Hallen- und Spieltermine für drei Teams parallel koordinieren, Fahrten organisieren, Rücksicht auf WTT-Turniere und Deutsche Meisterschaften einzelner Spielerinnen nehmen, passende Trainer finden.
Selbst Letzteres ist kompliziert: A-Trainer Andreas Dörner etwa ist baden-württembergischer Landestrainer und darf deshalb nicht gegen baden-württembergische Mannschaften coachen. Den Kern des Organisationsteams bilden neben Säger drei Trainer und zwei Fahrer.

Finanziert wird das Ganze nicht über Mitgliedsbeiträge, sondern über Sponsoring: Die Damenmannschaften laufen laut Säger „fremd- beziehungsweise sponsorenfinanziert“. Rund 80 Prozent der Sponsoren halten dem Verein die Treue, der Rest wechselt von Jahr
zu Jahr. Im Gespräch mit potenziellen Geldgebern spielt das Nachwuchsargument für Säger eine Rolle: Junge deutsche Spielerinnen aus der Region oder dem erweiterten Umfeld lassen sich anders vermitteln als ein reines Erstliga-Spitzenprojekt. Spielerinnen selbst muss der Verein längst nicht mehr suchen: „Die rufen von sich aus alle von Januar schon an und fragen an“, so Säger. Die drei hochklassigen Mannschaften wirken inzwischen wie ein Magnet.

Team eins soll die Play-o s erreichen, für Team zwei und drei zählen vor allem Spielpraxis und Spaß. „Wenn es reicht, reicht es, wenn nicht, dann geht die Welt nicht unter“, sagt Säger. Genau diese Gelassenheit dürfte auch mitentscheiden, wie lange das Modell trägt: Weinheim plant nicht auf Krampf für die Ewigkeit, sondern von Saison zu Saison.

Schlussstrich kommt später

Dahinter steckt für Säger auch eine größere Frage: wie schwer es geworden ist, im Damenbereich überhaupt tragfähige Strukturen aufzubauen. Schon drei oder fünf aktive Damen in einem Verein zu finden, sei heute eine Herausforderung. Viele Spielerinnen verlieren zwischen 18 und 30, wenn Studium, Job oder Familie dazukommen, den Anschluss an den Leistungssport.
„Man muss 100 Prozent geben, sonst funktioniert es nicht“, sagt Säger. Das gilt nicht nur für die Spielerinnen, sondern für alle im Ehrenamt. Am Ende hängt es von einzelnen Personen ab. „Eigentlich sollte man einen Schlussstrich ziehen, als die Deutsche Meisterschaft erreicht war, weil mehr kann man nicht erreichen.“ Was ihn trotzdem weitermachen lässt: Von null Zuschauern am Anfang ist Weinheim mittlerweile bei rund 200 pro Heimspiel angekommen, für Tischtennis eine beachtliche Zahl. Das motiviert.
Wie in anderen Vereinen auch gibt es in Weinheim nicht automatisch eine Person, die seine Fußstapfen direkt füllen kann.

Weinheim ist sicher kein Modell zum einfachen Kopieren. Es ist jedoch ein Beispiel dafür, was im Damen-Tischtennis möglich ist, wenn sportliche Gelegenheit, Sponsoren, Ehrenamt und Nachwuchsperspektive zusammenkommen – und wenn jemand bereit
ist, dafür dauerhaft Verantwortung zu übernehmen.