Weinheimer Nachrichten | Sport | Mittwoch, 4. März 2026

Trainer Rainer Schmidt gewann mit seinen Frauen vom TTC 46 Weinheim gegen Seriensieger ttc eastside Berlin die Deutsche Meisterschaft – ein hollywoodreifes Tischtennismärchen in der Provinz. Bild: Philipp Reimer
Von Bernd GraberWeinheim, 03.03.2026
Randsport im Rampenlicht: Timothée Chalamet ist im Kinofilm „Marty Supreme“ ein Oscar-Anwärter – auch Timo Boll hat einen Kurzauftritt. Kann es einen Boom geben?
Hollywood träumt, die Basis kämpft: Tischtennis zwischen Kino und Kreisliga
Weinheim. Hollywood hat Tischtennis entdeckt. Im Film „Marty Supreme“ steht Oscar-Anwärter Timothée Chalamet als amerikanischer Tischtennisspieler Marty Reisman an der Platte, ein charismatischer Filou und Tischtenniswunderkind. Stylish inszeniert, schnelle Schnitte in langen Hosen, große Emotion. Sogar der deutsche Tischtennis-Star Timo Boll (44) hat einen Gastauftritt in Nachkriegsklamotten. Plötzlich wirkt das schnellste Rückschlagspiel der Welt wie Popcorn-Pingpong. Und vielleicht ist das gar nicht neu. Vielleicht war Tischtennis schon immer cool – nur leiser.
Doch während auf der Leinwand Stars gefeiert werden, kämpft der Sport abseits des Kinos mit ganz anderen Fragen: Wie gewinnt man Nachwuchs? Wie bleibt man sichtbar? Und wie behauptet man sich in einer Sportwelt, in der Fußball fast alles überstrahlt?
Einer, der diese Entwicklung seit Jahrzehnten begleitet, ist Rainer Schmidt, Trainer der Frauen des TTC 1946 Weinheim. Amtierender Deutscher Meister – 2025 durch den Verband der Deutscher Tischtennistrainer (VDTT) nominiert zum Trainer des Jahres.
Fußball dominiert
Den Film wird er sich im Kino anschauen. „Natürlich.“ Aber an einen Boom glaubt er nicht. „Kurzfristig kann es sein, dass in Familien wieder öfter zum Schläger gegriffen wird. Nachhaltig wird das eher nicht sein.“ Allein die Tatsache, dass der Film mit insgesamt wenigen Kopien in die deutschen Kinos komme, sagt viel. Selbst große internationale Erfolge wie durch die Basketball- und Handballnationalmannschaft hätten meist nur kurzfristige Effekte. Aufmerksamkeit sei im deutschen Sport und den Medien ungleich verteilt. „Fußball steht weit über allem, dann kommt lange nichts.“ Ein Film allein ändere keine Strukturen. „Selbst in Weinheim wissen viele nicht, dass der Deutsche Meister der 1. Damen-Bundesliga aus Weinheim kommt.“
Ähnlich nüchtern bewertet es Abteilungsleiter Rudi Vogel (Bild: Marco Schilling) von der SG Wald-Michelbach. „Nein, das glaube ich nicht“, sagt der 69-Jährige, seit Jahrzehnten auch Jugendwart und Trainer im Odenwald. So sei Timo Boll schon während seiner aktiven Laufbahn das Aushängeschild gewesen – auch über Tischtennis hinaus. Geboomt habe aber nichts.
Vom Onkel an die Platte gebracht
Rainer Schmidt ist 55 Jahre alt, Gymnasiallehrer, verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Viernheim. Zum Tischtennis kam er mit zwölf Jahren – durch seinen Onkel, ein „Tischtennis-Urgestein“ in Viernheim. Was als Familiensport begann, wurde schnell Leidenschaft. Mit 31 erwarb er die A-Lizenz des Deutschen Tischtennis-Bundes. Als verantwortlicher Landeshonorartrainer in Nordbaden betreute er Talente wie Frederick Jost und Luisa Säger, die später Deutsche Meister im Jugendbereich wurden. Seit 2007 arbeitet Schmidt beim TTC 1946 Weinheim, führte die Herren durch Regionalliga, 3. und 2. Bundesliga. Seit Januar 2023 ist er Cheftrainer der Damen in der 1. Bundesliga – und wurde in der Saison 2024/25 Deutscher Meister. Er kennt die Basis. Und die Spitze.
Ein Sport für alle
„Tischtennis ist die schnellste Rückschlagsportart der Welt“, sagt Schmidt. „Und jeder kann spielen – jung oder alt, Mann oder Frau.“ Ähnlich sieht es Rudi Vogel und fügt noch einen Vorteil an: „Es ist kein Kontaktsport und man verletzt sich deshalb nicht so häufig.“ Eigentlich beste Voraussetzungen. Kaum Material, wenig Platz, klare Regeln, schnelle Erfolgserlebnisse. Und doch sinken vielerorts die Nachwuchszahlen.
„Wir müssen mehr als andere Sportarten Präsenz zeigen, zum einen in den Schulen und oder Kindergärten, zum anderen mit Veranstaltungen, die in die Öffentlichkeit getragen werden und die Menschen zum Tischtennissport bringen. Zudem muss in den Vereinen mehr passieren, als nur das Tischtennisspielen zu erlernen. Ausflüge, Veranstaltungen und Fahrten zu Events gehören in die Jugendbereiche eines Vereins. Der TTV Weinheim West zum Beispiel macht vieles sehr gut“, sagt Schmidt.“
Rudi Vogel steht für genau diese Basis. Seit 2009 Jugendwart der SG Wald-Michelbach, Trainer und Abteilungsleiter, ein Amt, das er bereits von 1981 bis 1990 innehatte. Nach seiner Lehre bei Coronet war er EDV-Leiter des Unternehmens, machte sich selbstständig und programmierte Großrechner für Firmen. Früher war er beruflich längere Zeit im Ausland unterwegs – dem Verein blieb er trotzdem treu.
Auf dem Schulhof wird gespielt
Während andernorts über Nachwuchsschwund geklagt wird, kann Vogel andere Zahlen nennen: 58 Kinder und Jugendliche sind aktuell gemeldet, rund 90 Mitglieder zählt die Abteilung insgesamt. „Das Problem haben wir Gott sei Dank nicht.“ Trainiert wird im Überwald-Gymnasium, die Eugen-Bachmann-Schule liegt in unmittelbarer Nähe. Auf dem Schulhof stehen Tischtennisplatten, die in den Pausen intensiv genutzt werden. Viele neue Kinder kämen über Mundpropaganda. Wer spielt, bringt Freunde mit.
Was Rainer Schmidt strategisch fordert, funktioniert in Wald-Michelbach pragmatisch: Nähe zur Schule, sichtbare Infrastruktur, engagierte Ehrenamtliche.
Veränderte Freizeitgestaltung
Trotzdem: Früher gab es gefühlt mehr Tischtennisplatten im öffentlichen Raum, an Schulen oder auf Spielplätzen. Warum sieht man kaum noch jemanden beim „Kleppern“ in gemeinsamer Runde? Schmidt sagt: „Tische im öffentlichen Raum sind teuer, vielleicht hindert das die Städte daran, solche anzuschaffen. Zudem sind einige Tische außerhalb bestimmter Zeiten nicht nutzbar, da der Zugang nicht möglich ist. Auch spielt die Veränderung der Freizeitgestaltung eine Rolle: mehr Social Media, weniger Zeit an der frischen Luft. Das gleiche Problem gibt es bei den Bolzplätzen.“
Mädchen- und Frauenmannschaften sind zudem vielerorts deutlich in der Minderheit. Warum? „Wenn ich das wüsste, würde ich es ändern“, sagt Schmidt offen. Vielleicht brauche es mehr Aktivitäten neben dem Sport. Mehr Sichtbarkeit. Mehr Wertschätzung. Die Damen nehmen in Wald-Michelbach dagegen eine führende Rolle ein. Die erste Mannschaft steht aktuell auf Platz eins der Bezirksoberliga, der zum Aufstieg in die Verbandsliga berechtigt. Zwei jüngere Spielerinnen hätten sich zuvor in Jungenmannschaften sehr gut entwickelt. Zudem gebe es derzeit acht neue Spielerinnen im Schülerbereich – Rudi Vogel sagt das nicht ohne Stolz.
Bereits gegen Boll verloren
Aber nach dem Rücktritt von Timo Boll – wer kann seine Rolle als Aushängeschild ausfüllen? „Das ist schwer zu sagen. International gibt es weiterhin Erfolge für den DTTB. Annett Kauffmann spielt sicherlich eine Rolle, als Frau ist dies in unserer Gesellschaft jedoch schwieriger als als Mann. Einen Timo Boll gibt es nur alle 20 bis 30 Jahre, man muss abwarten, was die nächste Generation hervorbringt“, sagt Schmidt. Auch Vogel nennt Anett Kaufmann an erster Stelle, aber auch Sabine Winter oder Wan Yan sollte man nicht vergessen. Patrick Franziska, der als Schüler eine Zeitlang sogar für den damaligen Oberligisten SV Mörlenbach spielte, wäre natürlich eine Odenwälder Idealbesetzung als Boll-Nachfolger. Aber mit 33 Jahren ist er eben auch nicht mehr der Jüngste.
Dass Rudi Vogel übrigens selbst einmal gegen Timo Boll spielte, verbindet Basis und Weltspitze auf besondere Weise. Als der damals 14-jährige Schüler für den TSV Höchst aufschlug, stand ihm der erfahrene Wald-Michelbacher gegenüber. „Ich habe mich mehr über mich selbst geärgert, dass ich gegen so einen Kleinen verloren habe“, sagt Vogel und lächelt. Ein Jahr später verlor er erneut. „Der war schon stark.“ Aber der – später sogar Weltranglistenerster? Das hätte Vogel nicht erwartet. Auch große Karrieren beginnen in kleinen Hallen.
Die Rundlauf-Frage
Mit wem würde Rainer Schmidt eigentlich gern einmal Rundlauf spielen? Er grinst. „Mit Putin und Trump“, sagt er trocken. „Damit den beiden endlich die Puste ausgeht.“ Der Satz ist humorvoll gemeint – aber er erzählt mehr über Tischtennis, als jede Statistik es könnte. Beim Rundlauf zählt keine Macht, kein Titel, keine Bühne. Man rennt, lacht, schlägt, verpasst vielleicht den Ball – und reiht sich wieder ein. Alle an derselben Platte. Schnell, direkt, ehrlich.
Vielleicht sorgt „Marty Supreme“ dafür, dass Jugendliche neugierig werden. Vielleicht greifen Familien wieder öfter zum Schläger. Aber ob daraus Zukunft entsteht, entscheidet sich nicht im Kinosaal. Sondern dort, wo Bälle ohne Soundtrack über die Platte springen: in Hallen. Bei Trainern, die seit Jahrzehnten Lizenzen machen und Nachwuchs ausbilden. Bei Vereinen, die Gemeinschaft schaffen. Bei engagierten Jugendabteilungen. Hollywood kann Tischtennis glamourös machen. Die Basis muss es tragen.
„Marty Supreme“ ist am Wochenende gestartet und läuft unter anderem im Kinopolis in Viernheim und im Luxor-Filmpalast Bensheim. Im Hemsbacher Programmkino Brennnessel ist die Komödie ab dem 5. März zweimal täglich um 17.30 und 20.15 Uhr zu sehen.
